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Die Minangkabau

Die größte matriarchale Ethnie der Welt

Koran und matriarchale Gesellschaft – ein Widerspruch?

Wer denkt, hier prallen Welten aufeinander, der irrt. Die Minangkabau leben ihre matriarchale Tradition (als Gewohnheitsrecht Adat genannt) inmitten des muslimischen Landes voll Stolz und Überzeugung. Diese friedliche Koexistenz beider Kulturen erklären sie mit dem Bild unterschiedlicher Wurzeln: „Der Islam stieg von den Küsten auf während Adat von den Bergen herunterstieg“. Die führende gesellschaftliche Rolle der Frau ist nach wie vor präsent, allerdings ist fraglich, wie lange noch. Doch nicht die moderat gelebte Staatsreligion unterhöhlt die Traditionen der Minangkabau, sondern vielmehr der Einfluss des modernen Lebens in den Städten.

„Auch als Muslima haben wir Frauen der Minangkabau eine starke Rolle inne, denn für uns zählt die Kultur weit mehr als die Religion.“

 

Die Minangkabau sind mit 3 Millionen Menschen die größte matriarchale Ethnie der Welt – die meisten von ihnen leben im Hochland Westsumatras, eingekesselt von zahlreichen Vulkanen und in der Hafenstadt Padang. Sie sind matrilinear und matrilokal organisiert, der gesamte Besitz wird von Generation zu Generation ausschließlich in weiblicher Linie vererbt. Neben dem Haus gehören auch die Reisfelder zum Besitz der Frauen, der an die Töchter weitergegeben wird – Söhne gehen dabei leer aus. Doch das führt in der Kultur der Minangkabau keineswegs zu Irritationen. „Ich akzeptieren das – schließlich weiß ich seit meiner Geburt, dass dies in unserer Kultur so ist“ erzählt uns ein junger Mann. „Aber wir haben die Möglichkeit, uns frei zu bewegen und Geld zu verdienen.“ Jenes Geld, das die Ehemänner verdienen, liefern sie zu Hause bei ihren Frauen ab, die es im Familiensinn verwalten.

Der mütterliche Onkel, den man Mamak nennt, bildet den männlichen Gegenpart zur starken Mutterfigur – dieses Duo aus Mann und Frau wird als ideale Balance der Geschlechter bezeichnet. Er nimmt im Familiensystem für die Kinder auch eine gewichtigere Rolle ein als der leibliche Vater. Auch wenn die Minangkabau matrilinear und matrilokal organisiert sind, geht es so wie in allen matriarchalen Gesellschaften nicht um Machtherrschaft der Frau, sonderen um ein eglitäres Miteinander. „Ich fühle mich meinem Ehemannn gegenüber ebenbürtig – wir haben in unserem Haus weder Chefs noch Anführer, sondern eine gleichberechtigte Aufgabenteilung, die sich einfach stark von andere Kulturen unterscheidet.“

Über Jakarta konnten wir direkt nach Padang – die größte Stadt im Gebiet der Minangkabau fliegen. Ausser uns scheint kaum jemand an dieser Kultur interessiert zu sein – ein einziges Paar aus Frankreich begegnet uns auf der Reise von der Küstenstadt ins Landesinnere. Wo wir hinkommen, werden wir herzlich empfangen. Es scheint, als wären die Menschen geradezu stolz, uns von ihren Sitten erzählen zu dürfen.

Märchenhochzeit im Glitzerzelt

Auch zu einer Hochzeit werden wir eingeladen, die uns die ganze Pracht der reichen Kultur und ihrer handwerklichen Traditionen vor Augen führt. Braut und Bräutigam sind rot gekleidet und über und über mit goldenen Ornamenten geschmückt. Puppenhaft wirken sie hinter ihrem starken Make-up und dem strikten Zeremoniell, bei dem die Hochzeit erst gültig ist, wenn es dem Bräutigam gelingt, die Trauungsformel fehlerfrei aufzusagen. Andernfalls muss das Paar am nächsten Tag wiederkommen.

Prächtige Langhäuser für viele Generationen

Es gibt sie noch, die alten, reich bemalten Häuser mit ihren aufwändigen Schnitzarbeiten, doch nur mehr wenige werden als traditioneller Wohnsitz geführt. Es sind Langbauten auf grazilen Stelzen – neben dem feudalen Gemeinschaftsraum, der mit kostbaren Textilien ausgestaltet ist, wurde für jede Tochter ein eigenes Zimmer angebaut. Nach der Heirat zieht der Bräutigam ins Haus der Braut, das irgendwann in ihren und den Besitz ihrer Schwestern übergeht. Diese Lebensweise versammelt mehrere Generationen unter einem Dach. Die Hausarbeit wird partnerschaftlich zwischen Mann und Frau aufgeteilt, die Versorgung der Alten und Erziehung der eigenen Kinder und jener der Schwestern-Familien wird als Gruppe geleistet. Auch wenn viele dieser alten Häuser heute leer stehen, werden sie nie verkauft. Sie werden für große Feste und Zeremonien genutzt und dienen den Festgästen als Unterkunft.

Haus, Hof, Felder und Fischteiche

Uns fallen die großen Bassins auf, die vor den Häuserzeilen im Boden eingelassen sind – beinahe jedes große Haus verfügt über einen eigenen Fischteich. Damit wurde die Selbstversorgung der von Landwirtschaft geprägten Gesellschaft unterstützt. In der Küche der Minangkabau dreht sich beinahe alles um den Reis – dazu gibt es Rindfleisch, viel Fisch, Huhn und Gemüse, alles reichlich gewürzt mit Chilli und samtiger Kokosmilch. Minang Food gilt als eine der populärsten Küchen Indonesiens.

Kultur und Handwerk

Reich sind die Minangkabau nicht nur an köstlichen Gerichten, sondern auch an Handwerkstraditionen. Während die Männer kunstvolle Holzschnitzarbeiten fertigen und als Silberschmiede tätig sind, haben sich die Frauen als Textilkünstlerinnen einen Namen gemacht. Häkeln, Weben, Klöppeln oder Sticken – die Minangkabau-Frauen in ihren langen Blumenkleidern und dem obligaten Hidjab am Kopf führen alles in eindrucksvoller Detailgenauigkeit und Virtuosität aus.

Ich bin fasziniert von der Farbenpracht und Fingerfertigkeit, mit der sie bunte Blumen auf kostbare Seidenschals sticken oder die goldenen Borten klöppeln, aus denen die Brautkronen gefertigt werden. Auch die Häuser wurden traditionell sehr feudal mit Textilien ausgestattet.

Bildung und Poesie

Auch in ihren verbalen Beschreibungen sind die Minangkabau sehr gewandt – sie gelten als gebildet und legen viel wert auf Schule und Kultur. Personifiziert wird diese Haltung durch den sogenannten Datu – er wird von der Gesellschaft auserwählt, um den Clan zu repräsentieren. Der Datu steht als Souverän über allen Dingen – aber bis er diese angesehene Stellung erreicht, muss er eine Reihe von Prüfungen absolvieren und sich unter anderem poetisch gebildet ausdrücken können.

Wie einer historischen Filmszene entsprungen, sitzt der Datu vor uns, erzählt von der Geschichte der Minangkabau und ebenso vom drohenden Ende der Kultur, das er in ein paar Generationen kommen sieht. „Auch früher ist immer wieder einmal jemand weggezogen“, sagt er “eine Art Naturalselektion, die die Anzahl der Menschen in den traditionellen Häusern regulierte. Doch heute wollen einfach mehr junge Leute fort, als zu Hause im Dorf und im Haus mit ihren Vorfahren zu bleiben.“ Es ist kein Anklagen, das der betagte Mann im roten Seidenanzug von sich gibt – vielmehr ein weiser Blick auf die Welt und die Zeit mit der sie sich verändert.

Behind the scenes

maria haas - Projekte - Die Minangkabau