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Die Bijagos

Ein Volk mit matriarchalen Mustern auf den Bijagos Inseln

Fanado – Geheimzeremonie im heiligen Wald

Frauen und Männer sagen sich bei diesem Initiationsritual auf Zeit vom anderen Geschlecht los – weder Kommunikation noch Körperkontakt sind für sechs Monate bis vier Jahre erlaubt. Wer den Fanado durchlebt und besteht, erntet Bewunderung und erhält eine höhere Stellung in der Gemeinschaft. Bei den Bijagos dürfen Männer nur zeremoniell heiraten, wenn sie den Fanado absolviert haben.

 

“Ich war 25 Jahre alt, als ich das Ritual des Fanado machte. Dafür habe ich vier Jahre lang mit keinem Mann gesprochen.“

Die Bijagos im Bijagos-Archipel vor Guinea-Bissau sind ein wehrhaftes und mutiges Volk. Bis 1936 setzten sie sich mit ihrer starken Flotte gegen die Kolonialisierung zur Wehr. Grande Orango – eine der Hauptinseln, konnte dank ihrer Königin Okinka Pampa überhaupt nie von den Portugiesen eingenommen werden. Starke Frauenfiguren sind so allgegenwärtig wie die vielen Geister, die die Bijagos beschwören.

Von der sehr ruhigen und verlassen anmutenden Stadt Bissau mit dem morbiden Charme baufälliger Kolonialbauten am Festland brechen wir in einer abenteuerlichen Bootsfahrt zu den Inseln auf – ganze 88 zählt das Archipel, nur 20 von ihnen sind bewohnt. Die restlichen Inseln haben die Bijagos zum heiligen Land erklärt und zum Gemeingut. Wo früher der Sklavenhandel blühte, ist man heute um Artenschutz bemüht. 1996 wurde ein Gutteil der Inselgruppe zum Biosphärenreservat erklärt – seither ist Nachhaltigkeit der Maßstab für Fischfang und Tourismus. Die wenigen Touristen die das Land besuchen findet man im Archipel beim Fischfang. Dass Reisende wie wir ausschließlich kulturelles Interesse haben, ist selten.

Fremde Welt im Atlantik

Augusto, der Koch unserer Lodge, entpuppt sich als kundiger Guide, der spontan freigestellt wurde und uns nach Canhabaque, Bubaque, Joao Vieira, Maio, Uno, Poilao und Orango Grande begleitet und seinen Verwandten vorstellt. Er selbst hat seine Familie und die Heimatinsel im Jungenalter verlassen um Arbeit im Tourismus zu suchen. Er lebt inzwischen mit Smartphone und damit in einer anderen Welt, ist aber ebenso stolz auf seine Wurzeln.

Wir landen mit unserem Langboot am weißen Sandstrand von Canhabaque, als uns ein Einheimischer mit großer Flinte und einem toten Affen um die Schultern entgegenkommt.
Heiß und staubig ist es, als er uns ins Innere der Insel führt, wo die Dörfer geschützt hinter Palmenhainen liegen. Das Heimatdorf von Augusto, welches von einem Königspaar wie auch dem Ältestenrat der Frauen repräsentiert wird, wirkt beinahe ausgestorben – die meisten Bewohner befinden sich nämlich für die Reisernte auf der Nachbarinsel Jao Viera. Strom, fließendes Wasser oder gar medizinische Versorgung sind hier nicht existent.

Einfache, kleine Holz-, Palmen- oder Lehmhütten mit Strohdächern bieten ganzen Familien Platz zum Schlafen, der Hausrat breitet sich rund um die Hütten aus. Stolz wird uns erklärt, dass die Hütten im Besitz der Frauen sind und auch, dass Frauen die Arbeit organisieren und alle wichtigen Entscheidungen treffen: „Bei einer Trennung ist es der Mann, der das gemeinsame Zuhause verlassen muss.“ Auf Canhabaque werden die Traditionen noch am strengsten gelebt, hören wir von den alten Frauen, die vor ihren Behausungen ruhen – Sitten, Riten, Religionen und die besondere Stellung der Frau.

Rituale, Symbole und Geister

Mit dem „Kundere“ wird die Frauwerdung gefeiert – Mädchen im Alter von 13 bis 14 Jahren tanzen und singen miteinander. Dabei tragen sie die traditionellen Baströcke und kleine, klingende Glöckchen um die Fußgelenke – springend, stampfend und tanzend geben sie ihrer Freude dabei voller Energie Ausdruck. Für die Mädchen ist der „Kundere“ ein ganz besonderes Erlebnis, dem sie mit Vorfreude entgegensehen, denn danach ist es ihnen erlaubt, Freunde zu haben. Ein Moment, der vom ganzen Dorf als großes Fest gefeiert wird.

Früher haben Frauen eine Schale Reis vor die Hütte ihres Auserwählten gestellt – der Antrag galt als angenommen, wenn der Mann und seine Familie ihn gegessen haben. Auf einigen Inseln ist es auch heute noch so, dass nur Frauen die Beziehungen beenden dürfen. Einzig der Fanado erlaubt es Männern, ihre Frauen auf Zeit oder für immer zu verlassen. Begleitet von erfahrenen Älteren ziehen sich Frauen und Männer getrennt voneinander in die heiligen Wälder zurück und unterziehen sich geheimen, schamanistischen Zeremonien und Beschwörungen mit dem Ziel, ein höheres Ich zu erlangen.

Als Zeichen der bestandenen Prüfung werden den Menschen kleinteilige Muster in die Haut geritzt. Der Fanado ist erst dann beendet, wenn die rituellen Verletzungen, die täglich mit Palmöl eingerieben werden, vollständig vernarbt sind. Männer erhalten grundsätzlich kleinere Zeichnungen als Frauen.

Wie Orden präsentieren mir ein paar Frauen ihre kunstvollen Narben an Armen, Bauch und Rücken, die von gesellschaftlichem Status, von Mut und Schmerz erzählen. So nackt und erhobenen Hauptes wie sie vor mir stehen, habe ich das Gefühl mit meiner Kamera in ihr Innerstes blicken zu dürfen.

Für die Bijagos mit ihrem animistischen Glauben sind die Geister omnipräsent und jedes Ding beseelt. Vor allem den alten Bäumen schreiben sie besondere Kräfte zu, weshalb bestimmte Zeremonien in der Nähe von ausgesuchten Bäumen zelebriert werden. Und wieder einmal kommt den Frauen eine bedeutende Rolle zu – sie sind es, die den Seelen der Verstorbenen in den Himmel verhelfen.

Behind the scenes

maria haas - Projekte - Die Bijagos