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Die Khasi, Garo und Jaintia

Matrilineare Gesellschaften in Indien

Khaddu – die jüngste Tochter erbt alles

Bei den Khasi kommt der jüngsten Tochter in der Erbfolge eine ganz besondere Rolle zu. Als sogenannte Khaddu übernimmt sie alleine bereits zu Lebzeiten der Eltern Haus und Land mit mindestens drei Generationen, verwaltet das Familieneinkommen, führt die konsensorientierten Familienräte und fällt wichtige Entscheidungen in Abstimmung mit ihrem Onkel. Sie trägt die enorme Verantwortung für den gesamten Familienclan und dessen unterschiedlichsten Erwartungen. Sind Mitglieder des Clans krank, ist es auch Aufgabe der Khaddu, diese zu versorgen.

„Als Frau habe ich das Recht, meinen Kindern meinen Namen zu geben, denn auch ich bin es, die sie unter Schmerzen auf die Welt bringt. Das ist auch deshalb wichtig, weil die Kinder im Falle einer Trennung bei uns Frauen bleiben.“

 

„Land der Wolken“ wird Meghalaya ob seiner Nebel verhangenen, üppig grünen Hügel genannt, das im Norden an den Bundesstaat Assam und im Süden an Bangladesch grenzt. Ganz im Gegensatz zum restlichen Indien sind die indigenen Völker der Khasi, Garo und Jaintia in Meghalaya matrilokal und matrilinear organisiert, d.h. es wird ausschließlich in weiblicher Linie vererbt. Die Khasi sind mit 1,4 Millionen Menschen die größte der drei Ethnien und jenes Volk, das die alten Traditionen am strengsten lebt – überzeugt davon, die Kultur noch über viele Generationen weitertragen zu können. Dem weiblichen Geschlecht setzen sie schon mit ihrem Namen ein Statement – Kha si bedeutet „von einer Frau geboren“. Mutter Erde ist auch das prägende Element dieses Volkes, das vor allem als Selbstversorger von der Landwirtschaft lebt.

Die große Mehrheit der Menschen in Meghalaya (rund 75 % )sind Christen.  Den in Indien sonst vorherrschenden Hinduismus findet man kaum. Ihre animistische Urreligion und der Schamanismus haben im Glauben wie im Alltag trotzdem Platz und zeigen sich in diversen Ritualen, die teilweise auch von Tieropfern begleitet sind.

Dschungel und „lebende Brücken“

Wir reisen über Kolkata (ehemals Kalkutta) nach Shillong. Die Hauptstadt des Bundesstaates  liegt eingekesselt inmitten der grünen Khasi-Hügel und scheint förmlich aus allen Nähten zu platzen. Viel zu viele Menschen und Autos zwängen sich durch die schmalen Straßen. Wir treffen unseren Fahrer Robert und den Guide Kabuki , die uns in die entlegenen Dörfer der Khasi, Garo und Jaintia führen. Auf dem Weg in die Berge lernen wir Morningstar kennen, einen jungen Khasi der sich dem Schutz des Urwalds verschrieben hat.Er führte uns nicht nur zu verschiedenen Familien sondern auch zu den so genannten „lebenden Brücken“. Um in den dschungelartigen Waldgebieten gut voranzu­kommen und auch besser jagen zu können, bauen die Einheimischen seit Jahrhunderten „lebende Brücken“. Dazu flechten sie die Wurzeln großer Gummibäume kunstvoll ineinander und überspannen damit tiefe Schluchten. Dass wir an seiner Kultur interessiert sind, macht ihn stolz doch was wir genau hier suchen, kann er sich nicht vorstellen. Europäer wie uns hat er hier so gut wie noch nie gesehen.

Kulturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Egal wo wir hinkommen, werden wir herzlich und mit einer Hand voll Betelnüssen
und -blättern empfangen. Die harten und stark färbenden Kerne der Palmfrucht werden rund um die Uhr gekaut und besitzen leicht toxische und adstringierende Wirkung. Oft wird vom „Kauen gegen den Hunger“ gesprochen und von einer natürlichen Droge die Körper und Geist betäubt aber auch gegen Keime und Parasiten wirksam sein soll. Bald wissen wir die roten Münder und orangefarbenen Zähne zu deuten, die uns allerorten entgegen lächeln.

Nach einer Tagesreise in den Westen von Meghalaya gelangen wir zu den „Garo-Hügeln“. Wir werden in den Dörfern überrascht aber freundlich aufgenommen und mit einem speziellen, selbst gebrautem Reis-Bier begrüßt. Auch die eher zurückhaltenden
Garo sind matrilinear organisiert, haben aber im Gegensatz zu den Khasi sie ein weniger striktes Erbfolgesystem. Bei den Garo erben alle Töchter, jedoch bekommt die jüngste am meisten.. Ebenso hat die animistische Religion einen festen Platz in ihrer Kultur.. Zufällig findet am Tag unseres Eintreffens ein schamanisches Opfer-Ritual zur Heilung einer erkrankten Dorfbewohnerin statt. Das ganze Dorf versammelt sich rund um den Opferstock, auf dem ein Huhn und ein Ferkel geopfert wurden. Im Glauben der Garo sind erkrankte Menschen von einem Dämonen befallen der mithilfe des Tierbluts angelockt und vertrieben werden kann.

Im Osten und Nordosten Meghalayas sind die Jaintia zu Hause, die uns ebenso freundlich aber ein wenig reservierter empfangen. Seit Jahrhunderten leben sie vom Bergbau und erlangten dadurch etwas größeren Wohlstand, der in gemauerte und bunt getünchte Häuser und geordnete Wege investiert wurde.

Trotz vieler Gemeinsamkeiten grenzen sich die drei Ethnien deutlich von einander ab. Mischehen sind zumindest bei den Khasi nicht willkommen, weil sie die eigene Kultur gefährden, sagt man uns.

Familiensystem und Rollenmuster

Alle drei Ethnien sind nach wie vor mehrheitlich matrilokal organisiert und die Männer ziehen nach der Hochzeit in die Häuser ihrer Frauen. Die Kindererziehung erfolgt im Kollektiv was eine Entlastung für die Frauen ist, die teilweise ebenfalls arbeiten gehen müssen. Nicht selten fristen Khasi-Frauen ihre Tage als sogenannte „stonecrasher“ und zerkleinern unter großen Mühen für einen Hungerlohn händisch Steine, die als Baumaterial nach Bangladesch verkauft werden.

Dem Bruder der Mutter fällt im Familiensystem eine besondere Rolle zu, die vergleich­bar mit unserem Patenonkel ist – er avanciert zum väterlichen Berater, kümmert sich um administrative Angelegenheiten und vertritt die Familieninteressen nach aussen. Onkel und  Khaddu bilden als Gespann aus beiden Geschlechtern die höchste Instanz jedes Familienclans.

Behind the scenes

maria haas - Projekte - Die Khasi, Garo und Jaintia