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Die Mentawai

Die letzten Ureinwohner Indonesiens

Statussymbol fürs Leben und danach

Die traditionellen Mentawai tragen kaum Kleidung – es reicht ein einfacher Lendenschurz. Nackt sind sie dennoch nicht, denn ihre Körper sind reich mit Tätowierungen geschmückt. Feine schwarze Linien an Händen, Beinen, Armen, Brust und Rücken sowie Symbole aus der sie umgebenden Pflanzenwelt erzählen von Charakter und Tapferkeit der Männer und Frauen – auch über den Tod hinaus, wenn sie nach ihrem Glauben an einem anderen Ort leben werden.

„Die Geister sind unter uns – gute und böse. Die Schamanen helfen uns dabei, in Frieden mit ihnen zu leben.“

 

Die Mentawai haben sich vor etwa 4.000 Jahren auf den namensgleichen Inseln westlich von Sumatra angesiedelt. Rund 65.000 Menschen zählt die Ethnie, doch als halbnomadische Jäger und Sammler inmitten der tropischen Wälder leben nur mehr rund 1.000 von ihnen. Frauen und Männer haben unterschiedliche Aufgabenbebiete innerhalb des Familiensystems und der lockeren Dorfgemeinschaft jedoch gleichwertige Stellungen – Hierarchien oder Klassenunterschiede sind den Mentawai fremd. Ihren Lebensraum und die ursprüngliche Lebensweise mit der animistischen Naturreligion müssen sie seit jeher verteidigen – gegen unterschiedliche Missionierungsversuche, die brutale, indonesische Siedlungspolitik, den Raubbau an der Natur und gegen islamistische Tendenzen. Das Verbot ihrer Kultur 1950 und die massive Abholzung der Mangrovenwälder an den Küsten der Inseln über die letzten Jahrzehnte hat die traditionellen Mentawai immer tiefer in die Regenwälder getrieben, wo sie sich verschanzen, um nach ihrer Überzeugung im Einklang mit der Natur leben und ihre Kultur bewahren können.

Eintauchen in den Regenwald
Von Padang erreichen wir in fünf Stunden Bootsfahrt Siberut, die größte der 70 Mentawai Inseln. Die letzte Eiszeit trennte die Inselgruppe von Sumatra und hat ein Naturparadies aus Regen- und Mangrovenwädern entstehen lassen. Wir richten uns in einer Lodge ein – mit der Gründung des Nationalparks wurde die starke Abholzung der Insel gestoppt und auf den Tourismus gesetzt. Es sind vor allem Surftouristen, die hierher kommen und die Tage am offenen Meer verbringen.

Ein Leben, bestimmt von der Natur

Flusseinwärts geht es mit einem traditionellen Langboot weiter – der Regenwald zeigt sich in allen Schattierungen von Grün und tausend fremden Geräuschen. Onzi, unser Guide bringt uns zu Verwandten – es ist ein dreistündiger Fußmarsch durch die feuchtschwülen Wälder. Wer von den schmalen Holzstegen rutscht, steht kniehoch im Matsch. Diese Erfahrung durften wir auch machen. Gesäumt ist unser Weg von stacheligen Rattanbäumen – sich an ihnen anzuhalten wäre keine gute Idee, scherzt unser Guide, der leichtfüssig über die Stege balanciert. Onzis Onkel und Tante leben abgeschieden von der nächsten Siedlung mitten im Urwald. Ihr traditionelles Langhaus – Uma genannt, ist auf Stelzen gebaut, unten werden Schweine und Hühner gehalten, die nicht nur im Kochtopf landen sondern häufig auch rituell geopfert werden. Wir werden ebenso neugierig wie freundlich empfangen und es dauert nicht lange, bis wir gemeinsam geröstetes Sago – das aus der Sago-Palme gewonnene Grundnahrungsmittel der Mentawai essen. Fleisch gibt es, wenn die Männer auf der Jagd etwas erlegen oder eines ihrer Tiere schlachten. Für das Sammeln von Früchten und Pflanzen sind die Frauen zuständig wie auch für Fische, Muscheln und Krebse, die sie in den vielen kleinen Brackwassern suchen – ausgestattet mit Netzen und einem großen Bambusrohr, das sie am Rücken tragen und in dem der Fang transportiert wird.

Himmel voller Affenschädel.

Von fließendem Wasser oder Strom sind wir weit entfernt, aber zwei große Tücher die von der Decke des Langhauses hängen, bilden unsere „Zimmer“. Bewacht wir unser Nachtlager von unzähligen Affenschädeln, die im Gebälk Hauses baumeln. Der Tag beginnt wie er geendet hat – es wird erst einmal geraucht, selten treffen wir Mentawais ohne Zigarette an. Mit dem Hahnenschrei erwacht der Ort, es wird Feuer bereitet, der Teig für das Sagobrot geknetet, geklopft, in die Bambusrohre gefüllt und geröstet – wir frühstücken und unter uns grunzen die Schweine. Während Onzi uns von seinem Vater, einem angesehenen Schamanen erzählt, präpariert unser Gastgeber seine Giftpfeile. Bei Fehden wurden sie früher auch gegen Menschen geschossen, heute sind sie ein reines Jagdinstrument.

Der Animismus und ihre Spiritualität spielen die zentralste Rolle, nach dem die Ureinwohner bis heute ihr ganzes Leben ausrichten und in dem Mutter Erde als Quell allen Lebens verehrt wird. Die Mentawai sehen in den sie umgebenden Wäldern alle Kraft gebündelt und den Sitz ihrer Götter, denen sie mit vielen verschiedenen Zeremonien huldigen.

Körperschmuck und Ehrenzeichen
Auch ihre Tätowierungen sind als Zeichen der Natur zu verstehen und als Schmuck, den sie stolz in ihre Haut gravieren. Ab dem Alter von etwa elf Jahren werden Heldentaten und bestandene Prüfungen schrittweise auf den Körpern der Frauen und Männer vermerkt. Es sind Codes, die untereinander gelesen werden können und Aufschluss über den Menschen geben – Familienstatus, Jagdgeschick und andere Talente werden dabei symbolisiert . Früher haben sich die Mentawai zudem ihre Zähne spitz zugefeilt. Im Rahmen von kleinen Ritualen erfolgt die schmerzhafte Tätowierung, bei dem traditionell der farbgetränkte Dorn eines Zitronenbaumzweiges, sowie Knochensplitter oder gespitzte Rindenstücke die Naturtinte aus Zuckerrohr und Russ mit schnellen rhythmischen Bewegungen in die Haut hämmern. Um die kleinen Wunden zu pflegen und damit die Tätowierungen besonders schön aussehen und auch wirklich für immer in die Haut gezeichnet sind, werden sie regelmäßig mit heilenden Kräutern eingerieben. Tätowiert zu sein, war einst das Erkennungszeichen der Mentawai – heute tragen nur noch die Alten diesen Körperschmuck, denn immer wieder wurden sie deswegen verfolgt und verhaftet ob ihrer „primitiven Kultur“.

 

Behind the scenes

maria haas - Projekte - Die Mentawai