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Die Mosuo

Ein matriarchales Volk in China

Mosuo Frauen heiraten nicht

Sie leben unabhängig von den Männern bei ihrem Familienclan. Im Alter von ungefähr dreizehn Jahren werden sie mit einem großen Initiationsfest zur Frau erklärt und erhalten ihr eigenes Zimmer im Haus der Großmutter – das so genannte Blumenzimmer. Dort treffen sie sich zunächst mit ihren Freundinnen und wenn die Zeit reif ist auch ihre Liebhaber. Denn die Mosou Männer sind nur nächtens zu Besuch bei den Frauen und kehren am Morgen in ihre eigenen Mutterclans zurück.

“In unserer Kultur hat die Großmutter das Sagen – sie ist das Oberhaupt der Familie.”

Die Luft ist schneidig, hier oben auf 2.700 m Seehöhe. Doch der Atem stockt auch ob der Schönheit, mit der sich der Lugu-See vor uns ausbreitet – riesengroß und friedlich liegt er zwischen den Provinzen Yunnan und Sichuan im Südwesten Chinas. Acht Stunden Fahrt über holprige Staubstraßen mit großen Schlaglöchern liegen hinter uns, seitdem wir den Provinzuflughafen Lijiang verlassen haben. Rund um den Lugu-See und in den dahinterliegenden Bergen, in den Ausläufern des Himalayagebirges, lebt das Volk der Mosuo, eine tibetobirmanische Ethnie mit etwa 40.000 Menschen.

Bei den Mosuo haben die Frauen das Sagen – sie leben in einer matriarchalen Gesellschaftsstruktur. Diese ist bestimmt durch die Prinzipien der Matrilinearität, der Matrilokalität, der Verteilungsökonomie, der Konsensorientierung und der besonderen Stellung der Frauen. Die Mosuo haben ihre eigene Sprache und Religion – den Dabaismus, den sie parallel zum auch existierenden Buddhismus praktizieren.

Willkommen im Land der Frauen

Wir werden von mehreren Familien in ihre Clanhäuser eingeladen – imposante Vierkanthöfe die rund um den See kleine Dörfer bilden. In den großen Innenhöfen wird gearbeitet, gespielt und die Ernte aufgetürmt – jeder folgt einer unsichtbaren Ordnung, die unsere Anwesenheit nicht zu stören scheint. Oberhaupt des Clans ist die Großmutter – Ah mi genannt, um die sich alle Kinder und Enkelkinder scharen, auch ihre Brüder wohnen hier. Die Ah mi erhält und verwaltet sämtliche Einkünfte des Clans und ihr gehört das gesamte Anwesen samt Land, das sie bewirtschaften – ein Besitz, den sie an ihre Töchter weitergibt, wenn sie die Zeit dafür reif findet.

Ungleiche Arbeitsteilung

Die Söhne gehen dabei leer aus, was sie nicht bemängeln, denn sie sind auf Lebzeit im Mutterhaus versorgt. Mosuo Männer führen neben den hart arbeitenden Frauen ein weniger verantwortungsvolles Leben, das Platz zum Kartenspielen und Plaudern läßt. Allerdings gehen die Männer den Frauen des Mutterclans zur Hand. Die Mosuo sind Selbstversorger, leben als Bauern im Kreislauf mit der Natur, vom Tauschhandel und dem Verkauf ihrer Ernte und von farbenprächtigen Webarbeiten. Sie bauen Mais, Reis, Kartoffeln und Gemüse an – Arbeit, für die hauptsächlich die Frauen zuständig sind. Hingegen sind die Arbeit mit Maschinen, der Fischfang und das Schlachten der Hühner und Schweine Männersache. Schweine und ihr Fett sind in Haus und Hof allgegenwärtig – als wichtige Zutat fürs Essen und den Willkommenstrunk, der uns überall gereicht wird wie für die Rituale, die sie zu Ehren der Ahnen und Götter abhalten.

Mann und Frau nur in der Nacht
Wir werden in das auffallend große Zimmer der Großmutter geführt – den wichtigsten Raum des Hauses wo über offenem Feuer gekocht wird. Dort finden sich sämtliche Familienmitglieder zu jeder Mahlzeit zusammen. Die Familie ist bei den Mosuo ein ganz besonderes Konstrukt – egal ob Mann oder Frau, man bleibt sein Leben lang im Haus des eigenen Clans. Die bei uns üblichen Paarbeziehungen werden nicht gelebt, denn die Mosuo praktizieren die so genannte „Besuchsehe“ bei der die Männer erst nach Einbruch der Dunkelheit auf Besuch kommen und noch vor Sonnenaufgang wieder in ihren eigenen Clan zurückkehren. Verpflichtungen entstehen aus diesen Verbindungen keine – auch nicht für die Kinder, die kollektiv im Mutterclan versorgt werden. Die Rolle des Vaters wird traditionell vom Onkel übernommen, der neben der Ah mi die zweitstärkste Stimme des Clans ist.

Beseelt von den Ahnen und dem einfachen Leben

Im dunklen und rauchigen Raum wird mir der Ehrenplatz links vom Herdfeuer angeboten, die Ah mi sitzt rechts davon. Ein ritueller Willkommenstrunk (ein für uns gewöhnungsbedürftiger Tee aus Kräutern und Schweinefett) wird gereicht – den Anwesenden und auch den Verstorbenen, welche für die Mosuo allzeit präsent sind. Recht offen erzählen die Frauen von den Vorteilen ihrer Lebensform – wie sie im Konsens Probleme lösen und als Kollektiv für einander da sind. Doch es gibt Grenzen – wenn es zu privat wird halten sie sich eher bedeckt.
Mit Einbruch der Dunkelheit ziehen sich alle in ihre Zimmer zurück. Über eine schmale steile Holztreppe gelangten wir in das uns überlassene kleine Blumenzimmer. Im ersten Morgengrauen wage ich mich mit meiner Kamera ins Dorf hinaus – der Hahn kräht, alles ist in mystisches Licht getaucht, während da und dort Männer aus den Häusern ihrer Geliebten treten um in ihren Alltag im Mutterclan zurückzukehren.
Die matriarchale Lebensform der Mosuo stellt eine wahre Rarität dar und ist einzigartig in unserer heutigen Welt. Wie lange diese Kulturform noch erhalten bleibt ist allerdings fraglich. Beeinflusst durch die modernen Kommunikationsmedien zieht es immer mehr Junge in die Städte und zu einem modernen Lebensstil. So manche Ah mi äußerte sich uns gegenüber mit der traurigen Gewissheit, dass sie wohl eine der letzten „starken Großmütter“ gewesen sein wird und dass mit den Ah mis auch die Kultur der Mosuo verschwinden wird.

Behind the scenes

maria haas - Projekte - Die Mosuo